FEATURE: Wieso ist eine Niederlage in One Piece so vernichtend?

Es ist mehr als nur ein einfaches Versagen der körperlichen Kraft

 

Vor Jahren, als One Piece noch ganz neu war und Ruffy noch auf der Suche nach neuen Crewmitgliedern im East Blue herumgeisterte, fragte ein Fan Eiichiro Oda: „Warum tötet Ruffy nie seine Feinde?“ Er hatte weder Helmeppo noch Kapitän Morgen oder Moji, den unausstehlichen Löwendompteur, den Todesstoß versetzt. Im Gegenzug waren diese Kerle mehr als bereit, Ruffy dauerhaft loszuwerden, wenn sie nur den Hauch einer Chance dazu bekämen. Warum also hat sich Ruffy nie revanchiert und es ihnen gleichgetan?

 

In seiner Fanpost-Seite im Manga antwortete Oda ganz simpel: In One Piece besiegt zu werden, „ist so schlimm wie der Tod.“ Das sind Männer, die nach ihren starken Idealen leben und diese zerstört zu sehen (durch Ruffys Ideale oder seiner Fäuste) ist der vernichtendste Schlag, den sie erhalten können. Wenn man sie also dort liegen sieht, sind sie zwar noch am Leben, aber für sie ist mit ihrer Niederlage eine Welt untergegangen. Denn ihre Überzeugungen machen aus, wie sie die ganze Welt sehen und ihre Abenteuer angehen.

 

 

Luffy's First Bounty, One Piece

 

Ich mag diese Herangehensweise aus mehreren Gründen: Erstens bedeutet es, dass Oda Charaktere nach Bedarf zurückbringen und sie neu in die Geschichte einbinden kann, ohne etwas sagen zu müssen wie „Crocodile ist nicht gestorben, weil er in letzter Sekunde die Nicht-Tot-Teufelsfrucht gegessen hat!“ Zweitens verleiht es den Momenten, in denen Charaktere tatsächlich sterben, eine viel intensivere Wirkung und Bedeutung. Es gibt einen Grund, wieso Ace' Ableben einen so enormen Eindruck hinterlassen hat und warum so viele Rückblenden einen so stark mitnehmen – diese Figuren sind wirklich fort; sie sind für das gestorben, an das sie bis zum Ende fest glaubten und wofür sie eingestanden sind. Und drittens knüpft es an ein großes Thema in One Piece selbst an.

 

In One Piece sind die Symbole für Macht, Stärke, Hoffnung und Träume oft viel wichtiger als sie eigentlich wert sind. Gol. D Roger hat sich den Namen „Der König der Piraten“ verdient, aber er herrscht im Grunde über nichts. Er hat eine starke Mannschaft an seiner Seite, mit der er die Meere erobert, die er gleichermaßen beschützt und bekämpft, aber er scheint nicht wirklich darauf konzentriert zu sein, seine Gebiete zu kontrollieren. Stattdessen ist er einfach die prominenteste Galionsfigur des gemeinsamen Strebens unter Piraten: Dass man mit den richtigen Idealen und der richtigen Crew auch ein freies Leben führen und lachen kann, wie man will.

 

 

Roger, One Piece

 

Jolly Roger erfüllte eine ähnliche Position – ein Indikator für eine Art gemeinsamen Willen. Das ist einer der Gründe, warum Ruffy so wütend auf Wapol ist, als er auf Doc Baders Flagge schießt. Nicht nur, dass Wapol das Vermächtnis des Mannes nicht respektiert, Wapol ist auch ein Pirat und sollte es besser wissen. Deshalb ist der Verlust der Going Merry auch so dramatisch wie tragisch. Es ist weniger ein Schiff, als vielmehr ein Spiegelbild des Vertrauens, das Ruffy in seine Crew und seine Träume hat. Die physischen Beschaffenheit davon ist zweitrangig – genaue wie die physische Beschaffenheit eines Körpers nach einer Niederlage im Kampf oder einer leicht zerstörbaren Flagge oder Gol D. Roger selbst. All das repräsentiert etwas viel Größeres, etwas, von dem eine ganze Generation von Piraten beschloss, dass es sich lohnt, die Segel zu setzen und dafür zu kämpfen.

 

 

Luffy with Hiriluk's Flag

 

Es ist Odas Denkweise, mit der er durch seine Charaktere und der Welt vermittelt, dass es ziemlich bedeutungslos ist, was das sagenumwobene One Piece eigentlich ist. Denn was es auch immer am Ende sein wird, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es dem Konzept, was es für unzählige Piraten bedeutet, nicht das Wasser reichen kann. Als Whitebeard der Welt verkündete, dass das One Piece wirklich existiert, war das nicht nur eine Bestätigung seiner physischen Existenz (eine Manifestation, die noch aussteht, da Oda bestätigt hat, dass das One Piece nicht so etwas wie „Die Freunde, die wir auf dem Weg gewonnen haben“ oder so sein wird). Vielmehr war es auch ein Aufruf an die gesamte Welt und speziell an die Marine, da sie diese Welt kontrollieren wollen, es nun aber außerhalb ihrer Möglichkeiten liegt. Die Tatsache, dass Menschen davon träumen, das One Piece zu finden und sich auf die Suche danach begaben, bedeutet, dass jede physische Anstrengung der Marine, um ihr Kräfte zu bündeln, vergeblich ist. Das One Piece existiert und hat in gewisser Weise immer existiert und wird es auch immer.

 

Und deswegen tötet Ruffy nicht, denn in einer Welt des unendlichen Strebens nach Abenteuern und Romantik, ist es die ultimative Strafe, wenn die eigenen Träume zermalmt werden. In One Piece ist eine Niederlage selten ein physisches Versagen, sondern das Versagen der eigenen Werte und dessen, wofür man selbst mit seiner Crew, der Flagge und dem Schiff steht. Rogers letzte Worte haben die Reise von unzähligen Menschen in Gang gebracht und wenn einige von ihnen gen Himmel starren, niedergeschlagen von Ruffys Ehrgeiz, dann erkennen sie das vielleicht Schlimmste, was man auf der Grand Line tun kann: Dass sie Gol D. Roger enttäuscht haben.

 

 

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Original Artikel von Daniel Dockery. Übersetzt von Melanie Höpfler.

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