FEATURE: Tokyo Revengers hat keine Freunde, sondern Familie!

Familie findet man an den unwahrscheinlichsten Orten

Tokyo Revengers

 

Was zählt als Familie, wenn deine engsten Freunde niemand anderes als Tokyos berüchtigte Rowdys sind? Tokyo Revengers, die Adaption von Ken Wakuis Manga, geht dieser Frage mit einem Hauch von Zeitreise auf den Grund. Tokyo Revengers spezielle Handlung fügt dem etablierten Yankii-Genre rund um kriminelle Jugendliche in Motorrad-Gangs einen unerwarteten Science-Fiction-Twist hinzu. Der scheinbar hoffnungslose Protagonist, Takemichi Hanagaki bekommt eine zweite Chance, den Mord an seiner Jugendliebe Hinata zu verhindern.

 

Es gibt nur einen Haken – wie sehr kannst du die Vergangenheit ändern, bevor die Vergangenheit dich ändert?

 

 

Logik der Zeitreise

Tokyo Revengers

 

Tokyo Revengers präsentiert von Anfang an eine ungewöhnliche Vorstellung einer funktionierenden Familie. Zum Beispiel haben die Eltern von Takemichi und Hinata keine wirkliche Präsenz. Stattdessen dient Hinatas kleiner Bruder Naoto ironischerweise als die patriarchalische Führung, die Takemichi braucht, um seine Zeitsprungkräfte richtig einzusetzen. So weitreichend wie es klingt, ist diese Zeitreise-Logik unscharf, um diese Beziehung funktionieren zu lassen. Nachdem er von einem Zug regelrecht überrollt wurde, denkt Takemichi, dass sein Leben vor seinen Augen vorbeizieht, bevor er 12 Jahre in der Vergangenheit erwacht. Er erzählt dem jungen Naoto, dass seine große Schwester bei einem Bandenzwischenfall sterben wird – und setzt damit unwissentlich eine Kette von Ereignissen in Gang, die die Geschichte buchstäblich neu schreiben wird.

 

Natürlich würde ein beeinflussbares kleines Kind an Zeitreisen glauben, oder? Tokyo Revengers kümmert sich mehr um die erzählerischen Implikationen seiner Prämisse als um die kleinteilige Logik. Das ungeschriebene Gesetz dieser Welt lautet: Wenn jemand, den du liebst, in Gefahr ist, dann glaubst du … und tust alles Verrückte, um diese Person zu retten.

 

 

Die Tage eines Delinquenten

Tokyo Revengers

 

Ein durchgängiges Thema in kriminellen Yankii-Anime und TV-Dramen ist die Idee, dass Brüderlichkeit dicker ist als Blut. Ursprünglich in den 80er Jahren als eine Jugendbewegung, deckt yankii alles ab, von Schlägern in der Mittelschule bis hin zu massiven bōsōzoku (Biker-Gangs). Zu den Grundpfeilern des Genres gehören der Manga Crows von Hiroshi Takahashi aus dem Jahr 1990 und Hiroyuki Nishimoris Kyō Kara Ore Wa!! aus dem Jahr 1988, die diese grundlegenden Prämissen aufgreifen. Die Charaktere, meist Jungen, leben und sterben für die Loyalität in einer hierarchischen Pseudo-Familieneinheit. Man könnte kaum eine bessere Gruppe für eine Geschichte über das „Finden von Familie“ an unerwarteten Orten auswählen als einen Haufen Yankiis.

 

Es sind zwar nicht ganz die 80er Jahre, aber Takemichis Zeitreise führt ihn ins Jahr 2005 – die Ära der Klapphandys und vor allem eine Gelegenheit, den Wachstum der gewalttätigen Tōkyō-Manji-Gang, die für Hinatas Tod verantwortlich ist, zu hemmen. Vor 12 Jahren ist etwas passiert, das eine Spaltung der Gang verursacht hat, doch ist Takemichi in der Lage, alle dazu zu bringen, für immer Freunde zu bleiben?

 

Noch wichtiger: Kann er ein guter Freund sein, um das Trauma eines Fremden zu lösen? Nur die Zeit kann dies offenbaren.

 

 

Von Nichts zum Helden

Tokyo Revengers

 

Anstelle des typischen hitzköpfigen Delinquenten-Stereotyps gibt es in Tokyo Revengers den „Heulsusen-Helden“ Takemichi. Seine Mission ist es, die „bösen Jungs“ nicht nur gedankenlos zu verprügeln, sondern sich mit ihnen anzufreunden. Schlag sie mit Freundschaft ist hier das Motto, und das trotz der Macho-Ästhetik mit gefärbten Haaren, einer Schmalzlocke und Motorrädern. Takemichis Mittelschultruppe hat nach seinem Zeitsprung bereits beschlossen, dass das gewalttätige Bandenleben genau ihr Ding ist. Sein erster Versuch, sich rückwirkend anzupassen, geht nach hinten los, als Takemichi den eigenen Yankii-Status seines Bruders zur Schau stellt. In Wirklichkeit ist Takemichis Bruder jedoch nur der Lakai eines Mitglieds der Tōkyō-Manji-Gang, weswegen es für ihn in einer Tracht Prügel endet. Näher lernen wir Takemichis Familie nicht kennen. Sein schwächerer Bruder tut nicht solch verrückte Sachen, die Naoto um Hinatas Willen getan hat, oder rebelliert in irgendeiner Weise.

 

Dieser Mangel an geschwisterlicher Unterstützung findet seine Parallele in Manjirō „Mikey“ Sano, der Takemichi schließlich unter seine Fittiche nimmt. Der blonde, schrullige Anführer der Tokyoter Manji-Bande und sein großer, mit einem Drachen tätowierten Vizeanführer, Ken „Draken“ Ryūgūji, finden beide Gefallen an Takemichis Dreistigkeit. Auf einem grasbewachsenen Parkhügel erzählt Mikey Takemichi alles über die Gedanken seines eigenen älteren Bruders über die „Loser Yankiis“ von heute. Aber hier sollte man zwischen den Zeilen lesen: Mikey hat etwas zu beweisen, indem er die Tōkyō-Manji-Gang anführt, auch wenn sein Bruder das nicht mehr miterlebt. Tokyo Revengers beschönigt nicht die bittersüße Natur, seine eigene Familie finden zu müssen. Es ist einsam, aber man hat keine andere Wahl, wenn niemand sonst für einen da ist.

 

 

Mikey und Drakens ausgezeichnete Freundschaft

Tokyo Revengers

 

Die Beziehung zwischen Takemichi und der Tōkyō-Manji-Gang beginnt aus Angst und entwickelt sich dann zu einer schönen Bromance. Jeder Charakter hat seine eigene Beziehung zu der Gang, aber keine verlangt nach mehr Aufmerksamkeit als die Freundschaft von Mikey und Draken.

 

Es ist verlockend, Draken als Mikeys stellvertretenden großen Bruder zu bezeichnen, auch wenn er technisch Gesehen sein Untergebener ist. Draken verkörpert wirklich das gute Yankii-Vorbild, das Mikey nicht mehr vor Augen hat. Sicher, Draken wird von jedem in der Gang respektiert, aber Takemichis Zeitreise-Perspektive gibt uns einen einzigartigen Kontext zu seinen Beziehungen: 12 Jahre in der Zukunft kämpfen Mikey und Draken gegeneinander, was im Endeffekt zu Hinatas Ermordung durch die Gang führt. Für Takemichi müssen sie Feinde sein – oder zumindest nimmt er das an.

 

Eine Szene zeigt Takemichi, der in einem Café aufpasst und annimmt, dass er einen Streit zwischen den beiden belauscht, während Mikey und Draken tatsächlich nur über das Essen streiten. Viel später wird Draken ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er bei einem Kampf niedergestochen wurde. Takemichi findet Mikey schluchzend außerhalb des Krankenhauses im Regen abseits der Menge stehen, damit ihn niemand sieht. Während die eine Szene komödiantisch und die andere melancholisch ist, treffen sie beide die gleiche Aussage: Mikey und Draken verbindet eine tiefere Bindung als alle anderen in der Gang. Aber keiner von beiden kann diese Verwunderung in einer Welt offen zeigen, die nur auf Erfolg aus ist. Alles, was sie haben, ist eine Familie gefunden zu haben.

 

 

Wie man ein Leben rettet

Tokyo Revengers

 

Es ist nicht nur die Empathie, die Takemichi benötigt, um die Wunden aller zu heilen und die Zukunft zu verändern. Er hat auch seine eigenen unerledigten Angelegenheiten – sein persönliches Wachstum zu einem selbstbewussten jungen Mann. Im Gegensatz zu einem typischen linearen Yankii-Protagonisten hat Takemichi die Weitsicht des Erwachsenseins und die Reife zu verstehen, dass er erntet, was er sät.

 

Auch wenn es Wunschdenken ist, ist Takemichis Bemühen, seine Mittelschulbeziehung mit Hinata wiederherzustellen, aufrichtig. Als erwachsener Einzelgänger entdeckt dieser ungewollt, dass Menschen mehr sind als nur ihre Gang-Titel. Zum Beispiel reden Takemichi und sein Freund Atsushi über Atsushis Traum, Friseur zu werden – eine Geste, die unerwartet Atsushis Zukunft auf eine Weise verändert, die Takemichi nie hätte vorhersagen können. In einer anderen Folge findet Takemichi den Mut, Hinata gegenüber offener zu sein und schenkt ihr eine Kleeblatt-Halskette, was sein früheres Ich nie getan hätte. Wenn man alles, was wir über die Charaktere von Tokyo Revengers wissen, in den Kontext einbezieht, ist die Gründung seiner eigenen Familie das offensichtliche, unvermeidliche Ergebnis von Takemichis Mission, das Mädchen zu retten.

 

Über „gefundene Familie“ in Tokyo Revengers zu sprechen bedeutet, die extremen Höhen und Tiefen der Yankii-Kultur und die darin eingebetteten hierarchischen Rollen zu betrachten. Während die bloße Tatsache, dass es um Yankiis geht, ausreichen könnte, um den Trope zu unterwandern, zeichnet sich der Anime dadurch aus, dass er einen fehlerhaften Protagonisten hernimmt, der nur erfolgreich sein kann, wenn er seine Komfortzone verlässt. Niemand ist aktiv auf der Suche nach einer Familie für billiges Melodrama oder Angst – wie in der Realität, investieren die Menschen am Ende in die Beziehungen, die sie aktiv pflegen wollen. So aufgeregt Takemichi auch ist, der harte Typ zu sein, der er nie war, lässt ihn Tokyo Revengers nie zu leicht davonkommen. Seine Reise geht wirklich über Zeit und Raum hinaus: Sie findet in ihm selbst statt und in denen, die er zu sich hineinlässt.

 

 

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Original Artikel von Blake P. Übersetzt von Melanie Höpfler.

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Melanie Höpfler arbeitet als Chefredakteurin für Crunchyroll Deutschland. Sie liebt die Genre Boys Love und Sport über alles. Außerdem hat sie eine große Schwäche für japanische Synchronsprecher, wie ihr auf ihrem Twitter @melopf25 sehen werdet.

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