INTERVIEW: Produzenten von Star Wars: Visionen ließen den Anime-Machern freie Hand

Executive Producer James Waugh und Produzentin Kanako Shirasaki sprechen über das Projekt

Star Wars: Visions

 

Heute fiel der Startschuss für Star Wars: Visionen – ein ambitioniertes Anthologie-Projekt, das Top-Talente und renommierte Studios aus der Anime-Branche zusammenbringt und ihnen den Schlüssel zum Falcon überlässt. Okay, niemand bekommt den Schlüssel zum Falcon per se, aber man gab den Studios von TRIGGER (PROMARE) bis Production I.G und weiteren freie Hand. Dadurch konnten sie die Art von Star Wars-Geschichten erkunden, die sie schon immer erzählen wollten.

 

Das Ergebnis könnt ihr ab heute auf Disney+ selbst sehen! Wir haben einen ersten Blick vorab auf alle neun Episoden geworfen – dabei geht es um herrenlose Jedi, kämpfende Banden und jede Menge Kyberkristalle. Danach hatten wir das Vergnügen, mit dem Executive Producer James Waugh und Produzentin Kanako Shirasaki zu sprechen, um herauszufinden, was dieses Projekt ausmacht.

 

 

 

Das Studio-Lineup ist voll von Schwergewichten der Anime-Industrie. Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie die Auswahl gehandhabt wurde und ob Sie von Anfang an auf bestimmte Studios zugegangen sind.

 

James Waugh: Wir haben sehr schnell Studios in Visier genommen, mit denen wir eine Partnerschaft eingehen wollten. Ich meine, wir sind Fans von so vielen dieser Studios; Production I.G, TRIGGER und so weiter. Science SARU war in letzter Zeit ein überraschender Einfluss und wir wollten sicherstellen, dass die Anthologie wirklich die verschiedenen Stile von Anime und verschiedene Persönlichkeiten von Schöpfern, die Geschichten in der japanischen Animation erzählen, widerspiegelt.

 

Wir haben uns Studios, mit denen wir zusammenarbeiten wollten, also sehr bewusst ausgesucht. Wir wussten allerdings nicht, wie es laufen würde. Wir wussten nicht, wer an Star Wars interessiert sein würde!

 

Wie sich herausstellt, alle.

 

James Waugh: Wie sich herausstellte, ja.

 

 

 

Gab es eine Traumkooperation – von der Sie sprechen dürfen – die sich für dieses spezielle Projekt nicht ergeben hat?

 

James Waugh: Ich denke nicht.

 

Kanako Shirasaki: Ja, ich denke nicht.

 

James Waugh: Ich glaube, wir hatten großes Glück, dass die Studios, die wir ansprechen wollten, auch an uns interessiert waren. Wenn wir uns mit ihnen trafen, gab es immer eine Geschichte darüber, wie sie selbst durch Star Wars eine Reise zu Animatoren und Geschichtenerzählern antraten. Sie waren also von Anfang an Fans, und das Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit.

 

Kanako Shirasaki: Selbst die Regisseure, die nicht wirklich darüber sprachen, wie sehr sie Star Wars lieben, fingen irgendwann an, über dies und jenes zu sprechen. Beispielsweise kleine Star Wars-Kapitel aus ihrem Leben. Es ist großartig zu wissen, wie Star Wars die Welt von Animatoren und Schöpfern beeinflusst hat.

 

 

 

Die Kurzfilme sind sehr abwechslungsreich. Wie sah der Entwicklungsprozess der Geschichten für die einzelnen Episoden aus?

 

James Waugh: Wir hatten einen Rahmen, wenn auch einen sehr losen Rahmen für das, was wir mit Star Wars: Visionen erreichen wollten. Nämlich die Möglichkeit, eine auf die Zeitlinie fokussierte Entwicklung freizugeben und verschiedenen Schöpfern die Möglichkeit zu geben, Star Wars durch ihre einzigartige Sichtweise und durch ein Medium zu feiern, das sehr spezifisch ist und über ein bestimmtes Vokabular verfügt.

 

Ich glaube, die einzige wirkliche Regel, die wir dabei hatten, war, dass man seine eigene Geschichte und seine eigenen Charaktere entwickeln sollte. Wir wollten nicht, dass es eine „Was wäre wenn“-Show wird, was für Marvel großartig funktioniert, aber nicht das war, das wir erreichen wollten. Es ging nicht um ein „Was wäre, wenn Luke Skywalker dies getan hätte, oder was wäre, wenn Darth Vader …“. Ich liebe diese Comics, sie sind ausgezeichnet, aber das war nicht unsere Absicht. Die Absicht war es, zu diesen Machern zu gehen und sie eine erstaunliche Geschichte erzählen lassen, die in dieser riesigen Galaxie spielt … (lacht) in der eindeutig eine Bazillion Geschichten spielen könnten. Das ist die Art und Weise, wie es funktioniert.

 

Dann Kanako, ihr wart direkt mit den Studios in den Prozess eingebunden.

 

Kanako Shirasaki: Ja, und ich denke, es hat auch sehr gut funktioniert, sonst könnten wir nicht diese Vielfalt und Geschichten von sieben verschiedenen Studios und neun verschiedenen Regisseuren verwirklichen. Es hat also überaus gut geklappt, und jeder Regisseur wollte seine Vision in der Anthologie erzählen. Also denke ich, dass der lose Rahmen gut funktioniert hat.

 

Apropos Rahmen: Mir ist aufgefallen, dass viele der Geschichten – ich weiß nicht, inwieweit das beabsichtigt ist – den Eindruck erwecken, als hätten sie einen thematischen roten Faden, vor allem, weil es hier eine Menge Kyberkristalle gibt. Die innere Funktionsweise eines Lichtschwerts wird in der Hauptsaga nicht so oft gezeigt oder diskutiert. War es ein Zufall, dass viele der Macher dieses Thema aufgreifen wollten?

 

James Waugh: Das war es wirklich. Wir hatten die gleiche Reaktion und haben das auch von vielen Interviewern gehört, die sagten, dass sie diesen roten Faden bemerkt hätten. Und nein, wir haben sie sehr ermutigt, die Geschichten zu erzählen, die sie erzählen wollten. Ich denke, wenn man sich Star Wars-Elemente ansieht, die so aussehen, als ob man mit ihnen spielen und auf dramatische Weise einsetzen könnte, dann sind das Lichtschwerter uns Kyberkristalle, die die Schöpfer anziehen.

 

Kanako Shirasaki: Auch in japanischen Anime oder im japanischen Geschichtenerzählen möchte man, wenn man Requisiten hat, zeigen, wie diese funktionieren. Wie sich die Maschinen in verschiedene Formen verwandeln und so weiter. Vielleicht hat das die Macher beeinflusst, zu zeigen, wie man die Kyberkristalle in das Lichtschwert einsetzt oder andere Dinge mithilfe von Requisiten darstellt.

 

 

 

Es klang so, als gäbe es insgesamt viele Freiheiten, wobei Regisseure wie Takanobu Mizuno (Das Duell) fragten: „Kann man das wirklich mit Star Wars machen?“ Gab es abseits der Hauptfiguren, die tabu waren, noch andere Konzepte, die Sie ablehnen mussten oder bei denen Sie sagten: „Nein, das ist nicht Star Wars“, oder haben Sie ihnen einfach frei Hand gelassen?

 

James Waugh:  Ich denke wir haben sie sprichwörtlich von der Leine gelassen. Der Prozess fand im Dialog statt, es war also nicht so, dass wir sie mit bestimmten Vorgaben losgeschickt haben, es keine Gespräche gab und sie dann einfach ablieferten. Wir arbeiteten am besten, wenn wir Gespräche über die Werte der Star Wars-Erzählung führen können oder konkret: Wie können wir die Geschichte, die ihr zu erzählen versucht, authentischer für Star Wars gestalten? „Hey, weißt du, dass wir diese Dinge im Universum haben?“ Es war eine Art ständiger Austausch mit der Absicht, ihre individuellen Geschichten zu fördern.

 

Aber ja, es gab definitiv Momente, in denen wir gefragt wurden: „Lasst ihr uns das wirklich machen?“ (lacht) Ja, ja, das tun wir. Das ist der Punkt! Wir wollen das herausfinden; wir wollen, dass es funktioniert. Solange die Geschichten Herz und Seele aufweisen, sind wir glücklich.

 

Kanako Shirasaki: Hatte schon mal jemand daran gedacht, zwei Sternzerstörer zu einem zu verbinden? Nein, aber …

 

Das war typisch TRIGGER.

 

Kanako Shirasaki: (lacht) Ja. 

 

 

 

Anime hat mit diesen anthologieartigen Geschichten viel Erfolg gehabt, von The Animatrix bis Batman: Gotham Knight und jetzt Star Wars: Visionen. Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an Anime, dass das Medium für diese Art des Geschichtenerzählens so geeignet macht?

 

Kanako Shirasaki: Zunächst einmal gibt es in Japan so viele Animatoren, die versuchen, ihren eigenen Stil zu finden. Studios, die versuchen, ihren eigenen Stil zu kreieren. Ich denke, es gibt dort bereits eine große Vielfalt, und vielleicht ist das ein Anreiz für verschiedene Künstler auf der ganzen Welt, die verschiedenen Kunstformen und Erzählstile zu erforschen und zu präsentieren.

 

James Waugh: Wir wussten schnell, dass wir die Bandbreite der erstaunlichen, unterschiedlichen Stimmen zeigen wollten, die Japan zu bieten hat. Wir wollten in dieser Hinsicht nicht nur eine Notiz sein. Also ja, du hast recht, es scheint immer [mit diesen Anthologien] zu funktionieren. Aber ich meine, wir wollten einfach nur die Perspektive verschiedener Leute auf Star Wars sehen und den Aufbau der Welt, den sie bei dieser Gelegenheit erbringen würden.

 

Und jetzt kann man einen doppelten Sternzerstörer in den nächsten Film einbauen.

 

James Waugh: Ja, genau. Jemand wird das ausprobieren, jemand wird davon inspiriert werden.

 

Nicht vergessen: Star Wars: Visionen wird heute auf Disney+ veröffentlicht!

 

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Original Artikel von Joseph Luster. Übersetzt von Melanie Höpfler.

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Melanie Höpfler arbeitet als Chefredakteurin für Crunchyroll Deutschland. Sie liebt die Genre Boys Love und Sport über alles. Außerdem hat sie eine große Schwäche für japanische Synchronsprecher, wie ihr auf ihrem Twitter @melopf25 sehen werdet.

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