Entstaubt: Princess Tutu

All ihr Kinder, die Geschichten mögt... Kommt herbei, kommt herbei...

In der heutigen Flut neuer Serien kann man kaum noch Überblick behalten, welche den Zeitaufwand, den sie benötigen, am Ende wert sind. Dennoch gibt es nicht nur versteckt zwischen Neuem Sehenswertes zu finden, auch in der Vergangenheit lässt sich manchmal einiges an Schätzen finden. Dennoch ist es selten leicht, diese Perlen auszugraben, daher helfen wir euch in folgender Rubrik hier auf Crunchyroll: Entstaubt, in welcher wir die alten Boxen von unseren Regalen holen und euch zeigen, was daran Sehenswert ist. Die einzige Regel lautet, dass mindestens fünf Jahre seit japanischem Release vergangen sein müssen.

 

Das Magical Girl Genre hat in den letzten Jahren einiges an frischer Aufmerksamkeit gewonnen, sowohl durch das Reboot Sailor Moon Crystal als auch durch die Dekonstruktion Madoka Magica. Vor allem letztere griff um sich wie ein Lauffeuer, nachdem sie zunächst den Anschein einer gewöhnlichen Happy-Go-Lucky Kinderserie hatte, jedoch sich nach zweieinhalb Folgen in eine der düstersten und ausgeklügelsten Serien der letzten Jahre verwandelte, alle Zuschauer schockte und Gen Urobuchi auf seinen derzeitigen Posten als Japans populärster Screenwriter katapultierte (Selbst wenn man Rebellion als das moderne Äquivalent zu End of Evangelion bezeichnen kann, sei es gut oder schlecht gemeint).

Doch das Konzept einer Magical Girl Serie mit etwas düstererem Ton ist keineswegs neu, denn bereits vor über einer Dekade versuchte sich eine Serie an dieser Zielgebung: Princess Tutu.

 

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Klassische Märchen, seien es nun die der Gebrüder Grimm, jene von Hans Cristian Andersen oder auch Geschichten weiterer Autoren, wurden über die Jahrhunderte immer wieder neu interpretiert, erzählt, vertont, niedergeschrieben und verfilmt. In jedem erdenklichen Medium wurden sie analysiert, dekonstruiert oder auch einfach nur kopiert. Disney wäre nie zu dem Konzern geworden, den es heute darstellt, wäre Schneewittchen nicht gewesen, und die Bindung vieler Großeltern zu ihren Enkeln wäre ohne Gute-Nacht-Geschichten nur weitaus schwerer zustande gekommen. Doch was ist mit dem Konzept des Märchens an sich? Die Art der Erzählung und die Stilmittel sowie Klischees finden erst wirklich seit Die Eiskönigin die Aufmerksamkeit der breiten Masse, doch gegeben hat es dies schon lange vorher und zwar in den 38 Folgen (26, wenn man nur nach Laufzeit geht) von Princess Tutu.

 

Die Serie folgt einem jungen Mädchen mit dem Namen Duck (Ahiru im Original), Schülerin einer Ballettschule, Tollpatsch und Hals-über-Kopf verliebt in den stufenhöheren Mytho. Nichts wünscht sie sich mehr als einmal an seiner Seite zu tanzen, doch schon bald muss sie entdecken, dass sie in Wirklichkeit kein Mensch ist, sondern eine Ente, welche vom Autor der Geschichte in einen Menschen verwandelt wurde. Autor Drosselmeyer jedoch handelt nicht aus Gutmütigkeit, sondern versucht lediglich, eine Erzählung zu spinnen, welche ihn selbst unterhält. So lässt er sie zur titelgebenen Princess Tutu werden, deren Aufgabe es von nun an ist, die Scherben von Mythos Herz, welches vor Beginn der Serie zerschlagen wurde, zu finden, sodass er wieder in der Lage ist, zu empfinden und sich bestenfalls in Duck zu verlieben.

 

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Das Herausstechende an Tutu ist jedoch die Präsentation: So beginnt jede Folge mit einer kurzen Märchenstunde, welche dem Zuschauer eine Geschichte präsentiert, welche entweder mit dem übergeordneten Plot der Serie oder dem Subplot der Folge zusammenhängt. Kombiniert wird dies mit dem zweiten Hauptelement der Serie: Dem Ballett. Der Großteil der Serie ist als Balletttanz inszeniert und die meisten „Kämpfe“ werden ähnlich interpretiert, wie man es in einem realen Ballettstück erwarten würde. Unterlegt wird dies mit bekannter klassischer Musik, wohl bekannt aus dem Nussknacker, Schwanensee sowie diversen Stücken von Tchaikovsky. Dem modernen Animefan wohlvertraut dürfte vor allem Eric Saties „gymnopedies“ sein. Kombiniert ergibt dies eine originelle, doch enorm gut funktionierende Mischung.

 

Im Verlauf der Geschichte beschäftigt sich die Serie zunächst mit dem wöchentlichen Scherbensammeln à la Cardcaptor Sakura, entwickelt sich jedoch merklich weiter mit der Einführung von Princess Krähe, welche zwar für den Antagonisten der Serie tätig ist, doch keineswegs verwerfliche Motive hat und bestenfalls als fehlgeleitet bezeichnet werden kann.

 

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So kämpfen Tutu und Krähe wortwörtlich um Mythos Herz, während Drosselmeyer seinen niederträchtigen Kommentar zu den Ereignissen abgibt. Im späteren Verlauf erlebt die Serie jedoch einen weiteren Wechsel, welcher nicht nur den Fokus auf die Metaebene der Märchenerzählung bedeutend verstärkt, sondern auch hervorragend dekonstruiert. Aus Spoilergründen soll jedoch nicht weiter auf diesen eingegangen werden.

 

Jedoch ist Tutu nicht durchgehend düster. Im Gegensatz zu Urobuchis modernem Äquivalent lockert es einen Großteil der Folgen mir wohlplatziertem und -geschriebenem Humor auf, welcher meist entweder durch Ducks Tollpatschigkeit oder durch ihren Ballettlehrer Mr. Cat erzeugt wird. Hierbei ist besonders die Performance von Todd Waite hervorzuheben, welche in der englischen Vertonung der Serie die wahrscheinlich beste Interpretation einer Katze gibt, die jemals festgehalten wurde und bedeutend zum Comedyaspekt des Charakters beiträgt. Des Weiteren bietet der romantische Ansatz der Serie eine weitaus mental gesündere Belastung als die extreme Depression von Madoka.

 

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Princess Tutu bietet nicht nur etwas für Fans des Magical Girl Genres. Auch Freunde von klassischer Musik, Ballett und Märchen kommen auf ihre Kosten. Es ist jedoch die Mischung, welche Tutu zu dem macht was es ist, da keines der Elemente derart stark betont ist, dass es jemanden, der damit nichts anfangen kann, nicht ansprechen würde. Daher sollte jeder, welcher sich im Entferntesten von den Themen der Serie angesprochen fühlt, ihr zumindest ein paar Folgen geben, um sich eine Meinung zu bilden.

 

Princess Tutu wurde bisher nicht in Deutschland lizenziert und demnach existiert leider keine deutsche Vertonung der Serie, was besonders bedauernswert ist angesichts der Tatsache, dass sämtliche Texte in der Serie von vornherein in Deutsch sind. Sehr zu empfehlen ist jedoch der englische Dub, welche nicht nur die Comedymomente bereichert, sondern auch fantastische Performances von Luci Christian als Duck sowie Marty Fleck als Drosselmeyer bieten, die ihresgleichen suchen. Wer jedoch trotzdem mal einen ganz kurzen Blick auf die Serie in deutscher Sprache werfen möchte, kann sich an den folgenden Videos erfreuen, welche uns freundlicherweise von Strawbellycake zur Verfügung gestellt wurden. Es gilt jedoch eine leichte Spoilerwarnung für das zweite Video zu beachten.

 

 

 

Und damit schließen wir die heutige Ausgabe von Entstaubt. Habt ihr noch Fragen zu der Serie, seid ihr auf der Suche nach Anime basierend auf eigenen Kriterien oder habt Vorschläge für zukünftige Ausgaben? Schreibt sie in die Kommentare und wir werden euch gerne anhören.

 

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Rene Kayser ist ein langjähriger Animefan, welcher für Crunchyroll als Verfasser für Artikel verschiedenster Art zuständig ist. Folgt ihm auf Twitter unter @kayserlein.

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