Interview: Manhua-Künstler Ruan Guangmin

Auf ein Wort mit einem Manhua-Zeichner

Ruan Guangmin zählt zu den renommierstesten Comickünsterln Taiwans - nicht nur ist er für seine Geschichten berühmt, die sich auf die kleinen Leute und ihre Probleme im Alltag konzentrieren, sondern auch durch diverse TV-Adaptionen seiner Werke. 

 

Über den vergangenen Monat befand er sich auf Tour durch den deutschsprachigen Raum, um die Veröffentlichung seines Werkes DonghHuaChun Friseursalon zu begleiten. Bei dieser Gelegenheit bat uns der Verlag Chinabooks an, uns auf ein kurzes Interview mit dem Künstler hinzusetzen. 

 

Im Folgenden berichtet er uns nicht nur, wie stark japanische Manga den taiwanischen Markt bestimmen, sondern erzählt auch, wie sie ihn persönlich beeinflusst haben und was er sich von den TV-Adaptionen seiner Werke wünschen würde.

 

Wie sind Sie selbst zum Zeichnen? Was löste das Interesse bei Ihnen aus?

 

Ich habe von Kindestagen an gerne gezeichnet und meine Eltern haben das eigentlich auch immer ermutigt. Es gab aber in Taiwan gar nicht so viele Berufe, die mit Zeichnen zu tun hatten – schon gar nicht als Comickünstler. Das war nichts, was als Beruf verbreitet war. Meine Familie und meine Freunde wussten das und haben das so akzeptiert. Als ich dann aus der Armee entlassen wurde [Es gab in Taiwan früher 3 Jahre Wehrdienst], hat ein Freund von mir gesagt, er würde jemanden kennen, der Mangas zeichnet und nach einem Assistenten sucht. Und so fing es letztendlich an.

 

Wie hat die Arbeit bei diesem Mangaka Sie denn beeinflusst?

 

Ich habe bei ihm vor allen Dingen das Handwerk gelernt, also die grundlegenden Techniken: Wie erzähle ich eine Geschichte? Wie stelle ich Handlung da? Wie teile ich Panels auf? Das heißt aber nicht, dass mein Stil davon stark beeinflusst wurde. Was er zeichnete, war nicht unbedingt das, was ich gezeichnet hätte. Aber ich konnte dennoch viel lernen. Ich habe selber jedoch mehr und mehr japanische Comics gelesen – immerhin waren diese in Taiwan ja eh vorherrschend waren und dadurch eben auch festgestellt, dass es oder da auch Comics gelesen werden, die sich eher an ein erwachseneres Publikum richten, nicht nur solche an jugendliches Publikum gerichtete Geschichten, wie sie jetzt auch mein Lehrmeister gemalt hatte.

 

Was würden Sie denn sagen, wie sehr die japanischen Manga sie genau beeinflusst haben? Und wie genau unterscheiden diese sich jetzt von taiwanischen Manhua?

 

Also in Taiwan ist es so, dass japanische Mangas bis zu 90% des eigentlichen Marktes besetzen und das heißt, dass taiwanische Comics auch heute nur 10, vielleicht 20% des Marktes überhaupt ausmachen – was ich aber gar nicht schlimm finde. Man sieht ja einfach auch so viele gute Werke aus Japan, von denen man sich inspirieren lassen kann. Man kann Techniken lernen, sich Techniken abschauen – einfach sich mit ihrer Hilfe weiterentwickeln. Aber ein taiwanisches Manhua macht aus meiner Sicht aus, dass es in Taiwan entstanden ist; dass die Menschen, die Dinge von denen es handelt, die Geschichte, die Politik die drin vorkommt – Die ganze Umgebung, die ist aus Taiwan. Von Taiwan inspiriert, aus Taiwan gegriffen und unterscheidet sich so einfach schon ein bisschen von Japan und das macht meiner Meinung ein taiwanisches Manhua aus.

 

Sie konzentrieren sich ja auch sehr auf die kleineren Leute; Leute aus normalen Arbeitsbereichen. Wie sind Sie denn auf diese Thematik dabei gekommen?

 

Es hat bei mir eigentlich gedauert, bis ich 33 Jahre alt war. Da habe ich erste Mal Jiro Taniguchi gelesen und das hat mich sehr beeinflusst. Also habe ich mir dann auch gedacht: „Das ist eher, was das ich machen will“ und hab in meinen Alltag, in meiner Umgebung, Personen und Charaktere gesucht, von denen ich erzählen will und die ich zeichnen will. Einfach so haben sich meine Geschichten herausgebildet. Angefangen hat das alles mit dieser Wende in meinem Werk mit dem Friseursalon DongHuaChun.


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Bei ihrem DongHuaChun Friseursalon konzentrieren sie sich ja auch sehr auf die Thematik, wie Eltern das Leben ihrer Kinder beeinflussen. Wie ist Ihnen den das Motiv in dem Sinn gekommen? 

 

Also ich habe das in einem anderen Werk auch mal so formuliert – Das Werk heißt „Geschmäcker des Glücks“ und da habe ich geschrieben, dass es für glückliche Familien eigentlich nur ein Rezept, nur einen Geschmack gibt. Aber für unglückliche Familien gibt es tausend verschiedene und eigentlich wird es da erst interessant. Wenn man über glückliche Menschen, glückliche Familien schreibt, wird es schnell langweilig. Aber wenn man etwas komplizierte Lebensläufe, kompliziertere Hintergründe, ein paar Schwierigkeiten einbaut, dann kann man darüber vielschichtig erzählen und viel mehr von dem was eben einen Menschen ausmacht, mit reinbringen. Wenn alles nur in einem Happy End endet, dann ist es zu Ende. Aber wenn es komplexer wird, dann geht die Geschichte halt eigentlich erst richtig los.

 

Wie sieht bei Ihnen denn so ein normaler Arbeitstag aus?

 

Also ich stehe morgens um sieben auf und fange meistens um acht oder neun an, zu zeichnen. Dann mache ich Mittagspause und zeichne nachmittags weiter – vielleicht so bis abends kurz vor sechs. Wenn es gerade Termindruck gibt, dann zeichne ich vielleicht auch am Abend noch bisschen weiter. Nochmal zwei Stunden oder so.

 

Gibt es dabei Sachen oder Szenen, die Sie besonders gerne zeichnen?

 

Ich schaue gerne Filme und gucke mir gerne Einstellungen aus Filmen ab. Wenn ich die gut finde, merke ich mir die und versuche, diese dann visuell im Manhua festzuhalten. Und das ist eine der Sachen, die mir Spaß macht. Und ich stelle mir gerne Orte vor: Ich schaffe einen Ort, eine Szene, auf der sich dann die Geschichte abspielt. Das liegt mir mehr als jetzt den Leuten hinterher zu laufen. Ich lasse sie dann lieber an einen Ort kommen und sich da treffen und da passiert dann die Geschichte, als dass ich ihnen irgendwie die ganze Zeit durch die Gegend folge.

 

Da Sie da schon meinten, sie gucken sich gerne Filme an: Einige ihrer Werke wurden ja auch zum Beispiel als TV-Produktion schon umgesetzt. Was war das denn für eine Erfahrung für Sie?

 

Grundsätzlich ist das was Schönes und es freut mich, wenn meine Werke auf so eine Resonanz stoßen und jemand sie verfilmen will. Das ist natürlich nicht Schlechtes. In Taiwan ist es halt noch so, dass dann die eigentliche Produktion, die eigentliche Adaption, dass der Urheber da nicht so viel mitreden kann. Das machen dann die Teams vom Fernsehen oder vom Film und ich würde mir wünschen, dass das da in Zukunft vielleicht auch der eigentliche Urheber vielleicht mit am Prozess mehr mitwirken kann. Ich glaube, das ist dann gleichberichtigter.s

 

Sie hatten jetzt gestern Abend die Möglichkeit, einige deutsche Leser kennenzulernen. Wie ist denn bisher ihr Eindruck von den Lesern hierzulande? 

 

Wir hatten jetzt schon zwei Veranstaltungen - eine in Berlin, eine hier [in Köln] – und bei beiden Veranstaltungen ist mir aufgefallen, dass die Leute, die da gekommen sind, sich schon durchaus nicht mehr im jugendlichen Alter waren. Die waren schon bisschen erwachsener, eine ganz andere Generation als jetzt in Taiwan zu solchen Events kommen würde. Und dadurch hatte ich wirklich das Gefühl, dass sie viel direkter sind – erst einmal viel direktere Fragen stellen, aber auch viel direkter verstehen, worum es mir geht. Dass sie irgendwie eine ganz andere Verbindung zu meinem Werk und zu meinen Geschichten haben, weil sie ja selber auch schon mehr erlebt haben im Leben und mehr Lebenserfahrung haben. Das hat mich sehr berührt und das fand ich gut.

 

Und wie hat Ihnen Ihr Aufenthalt in Deutschland sonst so gefallen, abseits von ihrem Event?

 

Also, abgesehen davon, dass wir dieses Mal ziemlich viel Zugverspätung und so zu ertragen hatten, ist eigentlich alles andere super. Und ich bin jetzt auch schon zum dritten Mal in Deutschland und eigentlich gefällt es mir hier immer sehr gut. Ich mag Deutschland. Man denkt im Ausland ja immer, dass die Deutschen ganz nüchtern sind und ganz sachlich und ein bisschen kühl und distanziert sind, aber das stimmt nur ein Stück weit. Die lassen einen in Ruhe, die respektieren den eigenen persönlichen Raum, aber wenn sie sehen, man muss da jetzt in Kontakt treten, jemand braucht Hilfe, dann sind sie da auch sofort da.

 

Eine Anekdote dazu: Als ich 2015 im LCB Berlin, also im Literarischen Colloqium Berlin, zu Gast war, da war ich gerade angekommen und am ersten Tag wollte ich dann ein wenig Rumlaufen und mich umsehen. Ich hatte mich dann etwas weiter entfernt und habe dann den Bus zurück nicht mehr gefunden und habe dann da auf mein Handy geguckt, habe auf die Karte geguckt und war schon ein bisschen nervös. Da ist jetzt nicht sofort jemand gekommen und hat mir geholfen. Die Deutschen respektieren einen wirklich, die gehen nicht sofort und mischen sich ein. Aber als ich dann hilflos um mich geguckt habe und dann auch jemand stand, der mir einen Blick zugeworfen hat, hat er begriffen: „Okay, der Typ braucht Hilfe.“ und dann ist er gekommen und hat mir geholfen. Also das finde ich jedes Mal faszinierend, dass die deutschen Respekt vor dem eigenen Raum haben.

 

Hätten Sie denn abschließen noch irgendwelche Worte an unsere Leser?

 

Also ich finde Comics & Mangas sind etwas, was Ländergrenzen überschreitet. Die kennen keine Grenzen. Und ich hoffe jetzt dadurch, dass eines meiner Werke auf Deutsch erscheint, dass auch die Leser hier darüber bisschen was über Taiwan erfahren, aber eben auch über das, was ich erzählen möchte.

 

 

DongHuaChun Friseursalon kann ab sofort bei Chinabooks selbst oder auch via Amazon geordert werden.

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