INTERVIEW: Wie der Regisseur von Saga of Tanya the Evil den Ersten Weltkrieg mit Magie vereinte

Regisseur Yutaka Uemura gibt uns Einblicke in die Umsetzung unserer liebsten reinkarnierten Soldatin

Saga of Tanya the Evil sticht definitiv aus der Masse an modernen Isekai-Anime hervor: Nicht nur landet unser Protagonist in einer mit Magie versehenen Alternative des Ersten Weltkrieges, sondern wird auch noch als kleines Mädchen wiedergeboren. Doch wie hat das Team hinter dem Anime die ursprüngliche Light Novel von Carlo Zen in eine vollständige Welt ausgebaut?

 

Regisseur Yutaka Uemura war auf der diesjährigen AnimagiC zu Gast und wir konnten uns natürlich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, ihn auf ein Interview einzuladen. Gemeinsam haben wir nicht nur über seinen Eindruck von Tanya als Charakter und die Möglichkeit einer zweiten Staffel geredet, sondern auch nach dem Ursprung für Japans Faszination für Deutschland gegraben.

 


Dann würde ich zum Einstieg gerne fragen, ob Ihr erstes Mal in Deutschland ist und wenn ja, wie es ihnen bisher so gefällt?

 

Uemura: Es ist tatsächlich nicht das erste Mal für mich in Deutschland. Ich war vor ca. 10 Jahren schon mal in Deutschland für die Promotion meines ersten Regiewerks Dantalian no Shoka. Bei dem Werk geht es um England, Deutschland, Frankreich – das heißt um verschiedene Länder in Europa. Auch die zeitliche Einordnung ist ähnlich zum jetzigen Werk, weswegen ich eine interessante Verbindung zwischen Europa und mir verspüre.

 

Saga of Tanya the Evil war das erste Werk von Studio NUT und der bisher primäre Output des Studios. Wie war es, bei einem so komplett neuen Studio zu arbeiten und direkt an einer so populären Show mitzuwirken?

 

Uemura: Es ist ein komisches Gefühl, das direkt vor dem Produzenten zu sagen, aber ich ging ehrlich gesagt, nicht davon aus, dass Saga of Tanya the Evil so erfolgreich sein wird. Ich kannte sowohl den Produzenten Tsunoki-san als auch den Vorsitzenden von NUT, Herr Narai, bereits vorher. Es war daher schon eine Vertrauensbasis vorhanden, auf welcher wir arbeiten konnten.

 

Ich ging davon aus, dass die Arbeit an Tanya funktionieren wird und deshalb habe ich auch den Auftrag angenommen. Ursprünglich gab es da auch noch die Firma Chiptune, die für 3D-Animationen bekannt ist. Deshalb hatte ich auch diese Zuversicht, dass mit Tanya alles in Ordnung sein wird. Ich hatte einmal die Vertrauensbasis zu den Menschen, weshalb es eine große Ehre für mich war, und gleichzeitig aber auch in die Firma an sich. Es ist ein kleines Studio – aber ein sehr gutes Studio. 

 

Sie waren vor NUT mit Dantalian no Shoka als Regisseur bei Gainax und sind dann auch zu MAPPA gegangen. Wie war es zu den verschiedenen Studios zu wechseln. Haben Sie da ein paar Anekdoten, die Sie erzählen möchten?

 

Uemura: Da mir diese Frage nicht besonders oft gestellt wird, hatte ich leider noch nicht viele Gelegenheit, darüber zu sprechen. Aber tatsächlich gibt es in meiner Karriere nicht nur Gainax, MAPPA und NUT: Ich war auch bei Tatsunoko Productions und Toei. Da habe ich mit sehr bekannten Regisseuren zusammengearbeitet, wie zum Beispiel Keiichi Sato von Tiger & Bunny oder auch Kenji Nakamura von Tsuritama. Und von ihm habe ich dann auch die Chance erhalten, wirklich als Regisseur meinen Durchbruch zu haben.

 

Ich habe mit Sato-san zwei bis drei Jahre zusammengearbeitet. Gleichzeitig war ich auch bei Gainax tätig und habe unter Sato-san dann mit Tatsunoko und Toei arbeiten können. Er hat mir auch die Türen zu Studio MAPPA geöffnet, wo ich als Regisseur tätig war und nachdem dort meine Werke anerkannt wurden, hatte ich dann die Gelegenheit, zu NUT zu wechseln.  

 

Dann kommen wir mal wieder zu Tanya an sich. Es gibt zwischen den einzelnen Versionen, der Light Novel, dem Manga und dem Anime schon einige Unterschiede. Können Sie da ein wenig über den Prozess reden? Wie wurden die Entscheidungen getroffen, dass es diese verschiedenen Versionen überhaupt gibt und – natürlich mit Fokus auf dem Anime – wie kam es zu diesen Änderungen?

 

Uemura: Ich habe schon, als ich die Light Novels gelesen habe, bemerkt, dass es eine sehr komplexe Geschichte ist. Es wird von mehreren Ländern gleichzeitig gesprochen und auch in der Zeitachse wird viel gesprungen. Und ich habe mir überlegt, dass dies eine Eigenschaft ist, die möglich ist, weil es eben ein Text ist. Das heißt, wenn ich daraus Bildmaterial – also einen Anime – mache, dann ist es in der Form nicht genau so umsetzbar.

 

Der Hauptfokus bei dem Anime war es, für das Publikum alles verständlich und zugänglich zu machen. Darum habe ich mich dazu entschlossen, den Fokus vollständig auf Tanya zu lenken und die Zeitachse an Tanya entlang zu bauen. Schlussendlich musste der Blick auf andere Länder ein bisschen gekürzt werden, aber dadurch ist die Geschichte an sich verständlicher geworden 

 

Tanya hat ja einiger sehr starke Verknüpfungen zum ersten Weltkrieg und da würde ich gerne wissen, wie die Recherche in die deutsche Geschichte aussah und wie es das Aussehen des Animes beeinflusst hat.  

 

Uemura: Ganz grundsätzlich lerne ich gerne dazu, wenn es etwas gibt, womit ich mich nicht auskenne. Das heißt, es war eine Freude und einfach sehr interessant für mich, mehr über den ersten Weltkrieg zu erfahren und mich über Europa zu informieren. Man muss aber gleichzeitig sagen, dass ich durch Dantalian no Shoka, was ja auch zum Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, quasi schon das Basiswissen über diese Zeit hatte und auch ein bisschen über Europa in dieser Zeit wusste.

 

Da dachte ich mir wirklich, dass es ein großer Gewinn für mich ist, bereits seit 10 Jahren als Regisseur tätig zu sein. Ich habe am Originalwerk gesehen, dass das Interessante an Tanya die detailleirte Darstellung der Realität im Kriegsgeschehen ist. Deshalb wollte ich, trotz der Tatsache, dass es eine Fantasywelt ist, die Details des Krieges dem Zuschauer verständlich rüberbringen. 

 

Und wie kamen Sie dann zur Darstellung einiger der mehr fantastischen Elemente, wie zum Beispiel diesen fliegenden mechanischen Pferden? Auf welche Details haben Sie hier während der Prduktion besonders geachtet?

 

Uemura: Im Original werden nicht alle Details dargestellt oder beschrieben, aber wenn daraus ein Bild wird, sieht man jede Kleinigkeit. Deshalb mussten wir uns ein Konzept überlegen, wie wir die Menschen zum Fliegen bringen. Wir haben uns einfach im Vorfeld darauf geeinigt - oder ich habe vielmehr für mich beschlossen-, dass ich nicht möchte, dass die Personen einfach frei fliegen können, wie zum Beispiel bei Dragon Ball, da sonst der Aspekt des technischen Fortschritts verloren geht und man sieht, dass die Technik einfach zu weit fortgeschritten ist, obwohl wir uns noch am Anfang des 20. Jahrhunderts befinden.

 

Das heißt, ich musste quasi eine low-tech Lösung dafür finden, dass die Menschen fliegen können, die dem 20. Jahrhundert angemessen ist. Ich habe mich dann auch mit den Mechadesignern abgesprochen, wie wir das am besten darstellen können. Wir wollten eine große Maschine, die am Körper getragen werden muss. Daraus ist dann diese Kiste vor Tanyas Bauch geworden oder auch die Pferde, mit denen man fliegen muss - einfach, um diese noch nicht vollends ausgereifte Technologie darzustellen.  

 

 

Haben Sie dafür auch Technik aus der Zeit des ersten Weltkriegs recherchiert?


Uemura: Also ich würde nicht sagen, dass ich jetzt in dem Bereich geforscht hätte oder dass ich da sehr intensiv in die Recherche reingegangen wäre. Aber ich habe durchaus Unterlagen gesichtet. Da gibt es unter anderem – wenn auch eigentlich eher im zweiten Weltkrieg - ein Gerät namens Enigma. Das war damals wirklich ein großes Gerät und es war offensichtlich, dass wenn wir mit der heutigen Technologie daran gehen würden, alles viel kleienr ausfallen würde – wir würden viel weniger Hardware dafür brauchen, was damals einfach nicht umsetzbar gewesen wäre. An solchen Dingen lässt sich einfach erkennen, wie Technologie sich weiterentwickelt oder eben auch nicht. Zu den Maschinen an sich muss ich sagen, dass ich ursprünglich aus dem informationstechnischen Bereich komme – also das Grundwissen über die Technik war einfach vorhanden. 

 

Eine der interessanteren Entscheidungen bei der Umsetzung des Anime ist, dass sie sich ja dazu entschieden haben, am Anfang von Folge 2 nicht das Gesicht von Tanyas früherer Form zu zeigen. Möchten Sie uns erzählen, wie es zu dieser Entscheidung kam und was vielleicht die Aussage davon sein sollte?

 

Uemura: Wir haben schon, als wir das Drehbuch geschrieben haben darüber diskutiert, wie wir das Ganze umsetzen wollen. Wir hatten zum Beispiel darüber gesprochen, ob die männliche Stimme sprechen sollte, wenn Tanya einen inneren Monolog führt. Wir dachten, es könnte interessant sein, dass bei den Gedanken der Mann spricht und dass man dann eine weibliche Stimme hört, wenn Tanya es ausspricht. Das wäre zwar interessant, aber wir haben uns gleichzeitig gedacht, dass dann irgendwie der Charme von Tanya verloren geht. Wir mussten also eine Balance zwischen der süßen Tanya und ihrem Hintergrund finden. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, das Gesicht des Mannes nicht vollständig zu zeigen, da man sonst immer, wenn man sie sieht, im Hinterkopf hätte, dass dieser Mann ja eigentlich Tanya ist, und das wollten wir eben vermeiden, um ihren Reiz nicht zu verlieren. Und so kam es eben dazu, dass wir uns dazu entschieden haben, sein Gesicht nicht darzustellen.

 

Die Show selbst als auch Tanyas Charakter-Arc fokussiert sich ja sehr stark auf den inneren Konflikt des Emotionalen gegen das Rationale. Da würde ich gerne wissen, was davon für Sie der interessanteste Aspekt daran war?

 

Uemura: Man könnte sagen, dass der Konflikt zwischen dem Emotionalen und dem Rationalen oder dieser Unterschied gerade das Thema von Tanya selbst ist. Wir wollten einerseits realistisch darstellen, dass Krieg herrscht und wie Krieg ist, und gleichzeitig wollten wir, da es ja auch der Unterhaltung dient, die emotionale Komponente nicht verlieren. Und ich glaube einfach, dass das auch das Fundament des Menschen ausmacht - dass man emotional und gleichzeitig aber auch rational ist.

 

Ein Mensch ist interessant, weil er Emotionen hat. Aber wenn er nur emotional wäre, würde es nur Auseinandersetzungen geben. Wenn ein Mensch nur rational wäre, dann wäre er völlig uninteressant. Das heißt, strenggenommen gibt es keine richtige Lösung für dieses Problem. Wir müssen an diesem Problem immer weiter arbeiten und immer weiter darüber nachdenken. Für dem Anime lässt sich aber sagen, dass wir natürlich wollten, dass der Spaß an der Serie bestehen und gleichzeitig aber auch etwas beim Zuschauer hängen bleibt, wenn er diesen Konflikt wahrnimmt. Man kann daher wirklich sagen, dass genau dieser Konflikt das Thema unseres Anime ist. 

 

Es ist ja allgemein verbreitet, dass viele Aspekte der deutschen Kultur und deutschen Sprache immer mal wieder in Anime und auch anderer japanischer Popkultur auftauchen. Es gibt auch hierzulande sehr viele Fans, die sich darüber freuen, wenn diese Elemente irgendwo auftauchen. Was denken Sie, ist der Grund, dass sich das so entwickelt hat und was ist für Sie persönlich das Interessante daran, das Deutsche als Quelle der Inspiration mit einzubauen?

 

Uemura: Solange wie ich lebe, habe ich miterlebt, wie Japan sich immer mehr veramerikanisiert. Die Kultur nähert sich immer mehr dem Amerikanischen an. Es entsteht also eine Art Mischkultur.

 

Das jetzige Japan sieht aber etwas Cooles in Deutschland. Das betrifft auch die deutsche Sprache. Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Ich war gestern in der Stadt spazieren und habe eine Bierdose gesehen und ich fand das Design so cool, weil Japaner das nicht so umsetzen können. All diese Kleinigkeiten inspirieren uns.

 

Deswegen ist Deutschland vermutlich auch so berühmt für sein Bier!

 

Uemura: (lacht)

 

 

Es gibt doch bestimmt viele Aspekte am Beruf des Regisseurs oder auch andere kleine Details bei der Arbeit an Anime, die die Allgemeinheit nicht so realisiert. Gäbe da etwas, worüber Sie uns ein wenig erzählen möchten und sonst weniger im Rampenlicht steht?


Uemura: Das ist eine ganz persönliche Meinung von mir. Da ich selbst früher ein Otaku war, wollte ich immer wissen, wie es hinter den Kulissen aussieht. Ich habe die Gedankengänge verstehen wollen. Ich habe Interviews gelesen. Das heißt auch, dass, wenn auf den DVDs ein Kommentar von den Machern dabei war, ich diesen geradezu inhaliert habe.

 

Aber jetzt, wo ich selbst in der Position des Regisseurs bin, geht es mir gar nicht so sehr darum, zu zeigen, was oder wie ich selbst arbeite. Ich glaube auch nicht, dass das jeder wissen muss. Was ich mir wünsche ist, dass die Fans einfach frei genießen können, was wir produzieren. Ich glaube irgendwo auch, dass das Geheimnis des Fandoms in der ganzen Welt für Anime ist, dass jeder so frei Fan sein kann, wie er möchte.

 

Also so, dass ein gewisses mysteriöses Element die Fantasie anregt?

 

Uemura: (lacht) Ja, ich schätze, so in der Art..

 

Haben Sie irgendwelche Infos über kommende Projekte, über die Sie reden dürfen und möchten?

 

Uemura: Was ich jetzt auf tatsächlich sagen kann ist, dass wir das erste Originalwerk von Studio NUT ankündigen können. Und zwar heißt es Deca-Dence. Es ist unter der Regie von Tachikawa-san entstanden. Er hat mich nicht nur bei Tanya unterstützt, sondern auch schon bei Dantalian no Shoka.

 

Können Sie schon etwas zu einer mögichen zweiten Staffel von Tanya sagen ? 

 

Uemura: Also die erste Staffel war ja ein Bombenerfolg. Der Film kam auch extrem gut an. Einer zweiten Staffel steht daher eigentlich nichts im Wege. Also gibt es ja keinen wirklichen Grund, dass wir nicht irgendwann eine zweite Staffel produzieren.

 

Das einzige Problem ist, dass Tanya extrem anstrengend zu produzieren ist. Wir würden uns freuen, wenn ihr euch gedulden könntet, bis unser Akku wieder geladen ist – und dann kann es vielleicht auch weiter gehen.

 

Verabschieden wir uns mit einer kleinen Scherzfrage: Wenn Sie in eine Ära der deutschen Geschichte transportiert werden könnten, welche wäre das?

 

Uemura: Also, wenn ich mir auch den Beruf aussuchen dürfte, dann würde ich gerne vor dem ersten Weltkrieg in die Industrielle Revolution gehen und dort als Adliger leben. Aber wenn nicht – ich also als normaler Mensch irgendwo hinreisen müsste – dann wäre historisch gesehen wahrscheinlich jetzt die beste Zeit. Also in die Gegenwart – oder vielleicht auch in die Zukunft. 

 

Danke Ihnen vielmals für das Interview.


Schaut Saga of Tanya the Evil auf Crunchyroll


Interview durchgeführt von René Kayser. Übersetzung von Jasmin Dose.

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René Kayser ist der PR- und Social-Media-Manager für Crunchyroll Deutschland. Auf Twitter könnt ihr ihn unter @kayserlein finden, wo er Leuten damit auf die Nerven geht, die Visual Novel Umineko no Naku Koro ni zu lesen.

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