Chinesische Manhua vs. Japanische Manga - Interview mit den Manhua-Künstlern Jidi & Ageng

Manga sind ohne Zweifel vollkommen in unserem modernen Zeitgeist angekommen - doch wie sieht es mit ihren chinesischen Geschwistern, den Manhua, au? Wir haben uns mit zwei der größten chinesischen Manhua-Künsterinnen zusammengesetzt und uns nicht nur über die Hintergründe ihrer eigenen Werke diskutiert, sondern auch mit den Unterschieden zu japanischen Manga befasst.

 

Das Künstler-Duo Jidi & Ageng erzählt in ihrer Manhua-Reihe "Der freie Vogel fliegt" auf semi-autobiographische Weise von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens im China der 90er. Das Werk hat bereits diverse internationale Preise wie den Japan International Manga Award, den ICC Comic Award und denn China Animation & Comic Competition Golden Dragon Award erhalten. Hierzulande erscheint er beim Chinabooks.

 

Dies ist ja nicht Ihr erster Besuch in Europa. Wie sie bereits in ihren Roman oder Comics ausgeführt
haben, haben sie ja besonderes Interesse an der europäischen Architektur, wie zum Beispiel an der
Arbeit von Antoni Gaudi. Was gefällt ihnen denn sonst noch an Europa? Sowohl an der Architektur
als auch an andere Aspekten Europas?


Jidi: Wir sind am Hauptbahnhof angekommen und haben direkt beim Rausgehen den Kölner Dom
gesehen. Da bleibt einen ja der Atem stehen. Ein unglaublich gewaltiges Gebäude und das möchte
ich mir morgen früh noch genauer angucken.

 

Wir haben auf alles, was europäisch ist, Lust. Wir haben natürlich Lust auf die Kunst – aber auch an
den Gebräuchen, an der Kultur, wie das Leben hier stattfindet, an den Leuten – Land und Leute,
daran haben wir überall wahnsinniges Interesse. Und wir finden auch, dass es hier sehr hübsch ist.
Sehr schöne Aussichten und sehr schöne Landschaften.

 

Irgendwas hier in Deutschland, das ihnen dann besonders positiv in Gedächtnis geblieben ist?

 

Jidi: Als ich diese Bücher geschrieben hab, waren meine „beabsichtigen“ Leser ja alles chinesische
High-School-Schüler. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass deutsche Schüler auch Lust auf diese
Bücher haben und das so zum Ausdruck bringen. Das erstaunt mich ungemein.

 

Zu Ihrem Comic selbst: Der wird ja in den Berichten mehrmals als semi-autobiographisch
beschrieben. Welche Aspekte der Geschichte sind denn nun die biographischen und welche
wurden erfunden?

 

Jidi: Eigentlich ist die ganze Geschichte, so wie sie abgelaufen ist und auch die Zeit, vollständig real.
Und Xiaolu ist sozusagen ein Alter Ego von mir. Aber ich muss sagen, damals in der Schule war ich viel
verschlossener. Es ging mir viel schlechter – Es war noch viel strenger und gemeiner, als es im Buch
beschrieben ist. Während ich das Buch schrieb, wollte ich gerne so sein wie sie. So froh und doch
irgendwo nach vorn gewandt.

 

Dann gehe ich mal davon aus, dass die popkulturellen Elemente, die ja auch in der Motivation der
Protagonisten eine Rolle spielen, auch direkt aus ihrer Jugend genommen sind? Oder sind diese
jetzt eher repräsentativ dargestellt?

 

Jidi: Da sie so einsam ist, die kleine Lin Xialou, liest sie so viel und dadurch wird sie sehr
eingenommen von ihrer Fantasiewelt. Deswegen verschwindet sie auch gerne nur in ihre Fantasie
und das wollten wir durch diese Zeichnungen auch entsprechend verdeutlichen.

 

Okay, also die Fantasie in Verbindung mit dem bereits Bekannten quasi.

 

Jidi: Das, was man gesehen hat und die Fantasie - die vermischen sich und gehen eine Symbiose ein.

 

Sie erwähnten bereits im Nachwort des zweiten Bandes, dass einige Aspekte des Romans, den Sie
ja schon vor 2006 fertiggestellt hatten, heute anders betrachten als damals und froh seien, es im
Comic nochmal neu und nuancierter umsetzen zu können. Was sind denn zum Beispiel ein paar
Aspekte, bei denen sie darüber froh waren?

 

Jidi: Da war diese Sache mit der ungewollten Schwangerschaft und diese ganze
Abtreibungsgeschichte. Als ich damals diesen Roman schrieb, da habe ich das noch nicht drin gehabt
- Da wurde dann keiner schwanger. Das habe ich deswegen damals nicht drin gehabt, da damals die
Leute noch eher Scheuklappen getragen haben und dies nicht so gerne in einem Buch gesehen
hätten. Aber in den Comic dachte ich mir „Jetzt möchte ich mal etwas mutiger sein“ und Ageng hat
es dann zeichnerisch umgesetzt.

 

Ich habe es in meiner Story mit reingeschrieben, weil ich mir
gedacht hab, dass es ja auch für die Jugend ein wichtiges Thema ist. Der Roman wurde mehrmals
ganz oft neu aufgelegt und in irgendeiner Auflage habe ich dann diesen Inhalt, dass da eine
Schwangerschaft war und dass die dann abgetrieben wurde, in den Roman mit reingenommen. Das
konnte ich deswegen machen, weil die Leute inzwischen weitaus offener waren und das auch so
akzeptierten. Es war jetzt nicht so kontrovers und ich wollte nur eine realistische Darstellung
Jugendlicher haben.

 

In der Geschichte geht es ja nicht nur darum, wie es zu Kommunikationproblemen zwischen Alt
und Jung kommt, aber auch das sich Jugendliche einfach oft noch nicht selbst verstehen. Wie kam
es denn dazu, diese Themen so prominent mit rein zu nehmen?

 

Jidi: Wir haben den Kopf voll mit lauter Dingen, wenn wir jugendlich sind und die sind vielleicht wichtiger als das, was in der Realität abläuft. Es gibt Sachen, die sind uns völlig wichtig, aber die kann man schwer in Worte fassen.

 

Auch, dass die ältere Generation die jüngere nicht versteht. Das ist ja auch eines der aktuell
beliebteren Themen, wie floss das denn zum Beispiel noch rein? Wo kam das noch her, dass da die
Kommunikationsprobleme zwischen Generationen mehr entstehen können?

 

Jidi: Ich hatte mit meinem Vater enorme Probleme. Weil ich gerne gezeichnet habe, weil ich
schlechte Noten hatte und weil ich immer abwesend war und irgendwas in meinen Kopf abging, was
er misstrauisch beobachtete. Meine Mutter hat es gerne gesehen, wenn ich zeichnete. Die hatte da
nichts gegen gehabt. Mein Vater wiederum – Ich habe darunter wahnsinnig gelitten, wie er zu mir
war. Ich habe nachher gedacht, dass es eine blinde Liebe gewesen sein muss. In China gibt es ein
geflügeltes Wort, das meint, dass wenn man sein Kind streng erzieht, dann liebt man seine Kinder
besonders. Ich denke, das hat was damit zu tun gehabt haben muss.

 

Nur ich habe darunter wahnsinnig gelitten und ich wollte dieses Buch schreiben, damit andere
Jugendliche so eine Problematik verstehen können und nicht in dieses schreckliche Gefühl
hereinrutschen, dass man von seinen Eltern nicht geliebt wird und man kein Selbstwertgefühl vor
ihnen hat.

 

Bezüglich der Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ageng: Sie sind ja auch selbst als
Comiczeichnerin tätig - wie kam es dann trotzdem zu der Zusammenarbeit zwischen Ihnen?

 

Jidi: Ich durfte ja gar nicht zeichnen. Ich habe natürlich kein Zeichenunterricht gehabt, als ich klein
war. Ich habe selber andauernd gezeichnet, aber das war ja eigentlich verboten. Ich hatte schon
etwas von Ageng gelesen, als ich mich noch nicht so gut fand, und später wollte ich mit ihr
zusammenarbeiten. Ich fand ihre Zeichnungen so toll. Sie hat ihr ganzes Haus voll mit Bildern
gepflastert und das hat mich irgendwo beeindruckt. Als ich mir überlegt habe, dass ich mit ihr
zusammenarbeiten will, da war sie als Chinas allerbeste Illustratorin bekannt. Alles ist wirklich
spitzenmäßig.

 

Wir haben mit diesen Büchern wahnsinnig große Erfolge, auch wirtschaftliche, eingefahren – Obwohl
die Kunst von Ageng damals komplett anders war als die von japanisch angehauchten Comics, die wir
in China haben. Das kommt auch daher, weil bevor wir diese Reihe rausgegeben habe, ich eine
andere Reihe mit Bilder gehabt hatte – nicht direkt Bildergeschichten, aber so ähnlich. Die Bilder, die
ich da gezeichnet habe, sind auch ganz anders als das, was man damals gewohnt war. Und ich denke
eben, dass man mit etwas Ungewohnten, etwas das anders ist, Erfolg haben kann.

 

Wie genau sah denn dann die Zusammenarbeit aus und der Prozess den Roman in Comicform
umzusetzen?

 

Ageng: Wir haben sehr eng zusammengearbeitet und haben alles sehr detailliert besprochen und
sehr detailliert umgesetzt. Wir haben das so gemacht: Sie hat zuerst den Text erstellt und nachdem
ich sie gemalt habe haben haben wir jede einzelne Szene nochmal besprochen und dann kam es erst
ins Manuskript.

 

Wie kam es denn zu der Entscheidung diese romanartigen Textpassagen, die direkt aus der Vorlage
stammen, so direkt zu integrieren?

 

Jidi: Wir beide, sowohl Ageng als auch ich - wir beide sind keine Comiczeichnerinnen, die im Stil von
japanischeren Manga zeichnen. Ich wollte ruhige Bewegungsabläufe. Ich wollte, dass alles wie ein
langsam gedrehter Film ist. Es sollte etwas zwischen Bildergeschichte und Comic. Es kam mir darauf
an, dass die Bewegungen filmisch wirken. Und dann sollte da eine gewisse Rhythmik sein. Nachdem
etwas passiert, das einen besonders aufregt, kommt sozusagen zum Ausatmen eine ruhige Passage,
sodass man eine Wellenbewegung in der Geschichte hat. Ich finde, es ist fast so wie Untertitel im
Film. Das gibt es sonst so in japanischen Manga nicht.

 

Im Nachwort des ersten Bandes erwähnen sie ja auch wie viel Arbeit das alles war. Es war die Rede
von 10 Jahre lang, 25 Tage im Monat, jeden Tag zwölf Stunden. Wo kam denn der Antrieb her, so
viel zu zeichnen und so viel in eine Geschichte zu stecken?

 

Ageng: Man muss natürlich fleißig sein, wenn man etwas ordentlich schaffen will. Das klappt sonst
nicht und wir wollten beide eine im Realismus verhaftete Bildergeschichte über die Zeit des
Heranwachsens von Jugendlichen darstellen - und das kostet Zeit. Das waren über 700 Seiten, die ich
schaffen musste, in diesen sechs Bänden. Also ein riesiges Arbeitsaufkommen.

 

Da unsere Leser jetzt natürlich primär mit japanischen Mangas und so vertraut sind, wie
unterscheidet sich die chinesische Comickultur von der japanischen oder wie nimmt die japanische
Einfluss auf die chinesische?

 

Ageng: Es gibt Unmengen an Comics in China und die werden natürlich auch hauptsächlich von
jüngeren Leuten gelesen. Es ist unglaublich verbreitet - es ist ein Riesenmarkt. Wir haben eigentlich
eine Papierkultur in den Comicheften, aber es geht immer mehr dann doch ins Internet hinein,
sodass das gleich im Internet veröffentlicht wird. Da muss man aber auch noch sagen, dass diese
Kultur auch verzahnt ist und integriert in alles Mögliche wie Filme, Anime oder Spiele. Eigentlich ist es
ja ein Druckgewerbe, aber das Internet macht sich immer mehr breit. Was auch noch zu bemerken
ist: Unsere Regierung hat schon ein Auge darauf geworfen. Es wird sehr beachtet, aber auch
geachtet.

 

Beeinflussen sich den jetzt die chinesische und die japanische Comickultur oder sind sie so
ineinander verzahnt, dass man das nicht mehr unterscheiden kann?

 

Ageng: Wir haben solche Comics seit ungefähr über 20 Jahren. Als wir zuallererst mit den Comics
anfingen, kannten wir nur japanische Comics. Überall in Südostasien war das ähnlich. Für meine
Generation gab es damals nicht das Fach „Comic-Art“ oder so etwas, was wir studieren konnten, an
der Kunsthochschule, sondern wir mussten uns das alles autodidaktisch aneignen. So wie das von
Japan rüber kam haben wir uns selber dran versucht. Dann ist natürlich klar, wenn man dann selber
daran ging, Comics zu schaffen, dass da schon Ähnlichkeiten waren, denn man musste sich ja dran
orientieren.

 

Inzwischen ist es aber so, dass die Comickunst in den Akademien und Universitäten angekommen ist.
Es gibt Seminare und Klassen für Comickunst und wenn Comic als Fach unterrichtet wird, dann ist die
japanische Comickunst nur ein kleiner Teil von der Comickunst, die insgesamt auf der Welt besteht.
Und insofern hat sich das ziemlich geändert. In solchen Klassen studieren wir dann solche Kunstfilme,
auch frühere aus Europa zum Beispiel. Alle möglichen Formen des Bildes, alles aus Imagination ins
Bild fließende Darstellungen, sodass man sagen kann, dass aus vielen Bereichen studiert wird, um
den Comicstudenten eine Basis zu geben.

 

Es ist ein großes Konzert an vielgestaltigen Comickünstlern. Es gibt natürlich welche, die im Stile von
japanischen Mangas zeichnen, aber auch ganz viele, die einen anderen Stil entwickeln. Es gibt da sehr
viele Spielarten. Ich warte noch drauf, dass wir noch viel freiere Zustände bekommen und sich da
noch ganz viel tut. Es ist auf jeden Fall eine spannende Entwicklung.

 

Was würden sie von der deutschen Veröffentlichung ihres Comics besonders gerne sehen?

 

Ageng: Ich würde mir wünschen, dass meine Leser fröhlich diese Comics lesen und Spaß haben. Und ich
hoffe, dass die deutschen Leser durch dieses Buch mit den chinesischen Jugendlichen kommunizieren
und sie dadurch die chinesischen Verhältnisse und Jugendlichen kennen lernen. Dass wir dadurch
quasi einen Kulturaustausch haben. Ich hoffe auch sehr, dass auch herausragende Künstler nach
China zu unseren Kunsthochschulen kommen und wir da dann auch einen Austausch haben. Das
wünsche ich mir auch. Ich möchte auch nochmal sagen, ich mag deutsche Comics und deutsche
Autos! Ich fahre auch einen BMW.

 

Ich bin jetzt schon zum sechsten Mal in Deutschland und ich hoffe, dass ich oft wiederkommen kann.
Ich hoffe, dass die Deutschen auch Lust haben, meine Werke zu lesen. Aber vor allem möchte ich,
dass die Deutschen mit ihren Werken nach China kommen. Ich möchte ganz viel kennenlernen und
mitnehmen.

 

Wir bedanken uns für das Interview.

Autres Top News

0 Commentaires
Soyez le premier à commenter !
Trier par: